"Übernahmen und Allianzen werden die Eckpfeiler unserer Wachstumsstrategie in diesem und im nächsten Jahr sein." - Yoichi Wada im Februar 2008

Etwa 120 Millionen US Dollar blätterte Square Enix für Eidos Interactive hin. Klingt viel, ist aber vergleichsweise wenig. Für Taito zahlte Square Enix 2005 über 400 Millionen USD und selbst Tecmo war Square Enix Ende 2008 über 200 Millionen USD wert. Eidos Interactive war angeschlagen, die Aktien auf dem Weg nach unten. Im Januar stand der Aktienkurs bei etwa 13 Pence. Square Enix bot das 32 Pence, etwa das 2,5-fache pro Aktie - verlockend für die Aktionäre. Im aktuellen Geschäftsjahr, das noch bis zum 30. Juni 2009 läuft, bleibt man wohl etwa 20 Millionen Pfund unter den Gewinnerwartungen. Schuld daran ist
Tomb Raider: Underworld, das sich weltweit bis Ende 2008 nur 1.5 Millionen mal verkaufen konnte. 2 Millionen waren bis dahin angepeilt, die Schuld schob man der Wirtschaftskrise in die Schuhe. Bereits im Januar musste ein kleines Entwicklungsstudio in Manchester geschlossen werden. Ebenfalls Mitte Januar packten 30 Entwickler bei Crystal Dynamics die Sachen, die Entwickler der letzten Tomb Raider Spiele.
"Eidos passt in unsere Unternehmensstruktur und -philosophie. Das gilt sowohl für Persönlichkeit des Managements als auch für die Atmosphäre in den Entwicklerstudios" - Yoichi Wada
Und so bekommt Square Enix für 120 Millionen USD allerhand. Zu aller erst natürlich Marken wie Tomb Raider, Hitman, Commandos, Deus Ex, Legacy of Kain, Thief und Timesplitters. Auch wenn die Zahlen von
Tomb Raider: Underworld Ende 2008 und auch zur Zeit des Übernahmeangebots noch eher enttäuschend waren, so ist die weltweite Gesamtverkaufszahl bis heute doch auf 2,6 Millionen gestiegen und übertrifft so die Verkaufszahlen der letzten vier Tomb Raider Titel. Ähnlich wertvoll ist die
Hitman-Reihe oder das neue
Kane & Lynch. Nicht zu vergessen die beliebte und innovative
Thief-Reihe. Zugegeben, der Dieb ist in die Jahre gekommen. Aber erst vor wenigen Tagen machte eine Teaser-Meldung auf der Website von
Eidos-Montreal die Fangemeinde verrückt, in der von einem neuen Projekt gesprochen wird.

Fans gieren nach einem neuen Thief-Teil - die
Schriftart der Meldung ähnele der Thief-Schriftart!
Da sind wir auch schon bei den Titeln, die noch in Arbeit sind. Neben dem vermeintlichen
neuen Thief-Hit ist das
Deux Ex 3. Die Reihe dürften vielen ein Begriff sein, der neue Teil ist schon zwei Jahre in Entwicklung und soll Ende 2009/Anfang 2010 erscheinen.
Kane & Lynch 2 ist ebenfalls in Arbeit. Ebenso wie
Hitman 5 für alle Next-Gen Konsolen, auch wenn es dazu bisher wenig Informationen gibt.
Just Cause 2, das von der unabhängigen Entwicklerschmiede Avalanche Studios entwickelt wird, wurde ebenfalls erst vor wenigen Tagen enthüllt. Große Erwartungen stellt man des Weiteren an
Batman: Arkham Asylum, das für PS3, Xbox 360 und PC entwickelt wird und auf der Unreal 3 Engine basiert, die auch Square Enix schon lizensiert hat. Die Marketing-Sparte von Eidos verkündete kürzlich, Batman: Arkham Asylum werde eines der größten Spiele des Sommers (Release im Juni 2009), wenn nicht sogar eines der größten Spiele des Jahres. Die Batman-Spieleschmiede Rocksteady gehört allerdings nur zu 25.1% Eidos. Erst vor wenigen Tagen wurde mit Joker ein weiterer spielbarer Charakter enthüllt.
"Wir werden in naher Zukunft keinen strategischen Einfluss auf die Eidos-Spiele nehmen" - Yoichi Wada
"Diese Übernahme ist ein Wendepunkt für Eidos. Wir erhalten damit die Unterstützung eines Marktführers, der an unsere Strategie und unsere Unternehmenskultur glaubt." - Phil Rogers
Auch wenn Eidos Interactive zuletzt eher enttäuschend lief, die Marken sind intakt und haben Potential. Square Enix wird also gut daran tun, die Spieleschmieden in Ruhe werkeln zu lassen. Genau dies hat Square Enix auch vor, auch wenn man zu Beginn bekannt gab, die Marken auf
vielfältige Art und Weise verwenden zu wollen. In einem Interview sagte Yoichi Wada, man werde
"in naher Zukunft keinen strategischen Einfluss auf die Eidos-Spiele nehmen". Phil Rogers, der übrigens CEO bei Eidos bleiben wird, steht allerdings im engen Kontakt mit Square Enix und berichtet direkt an Yoichi Wada. Auf Probleme bei Eidos angesprochen sagte Yoichi Wada in einem Interview mit
GamesIndustry.biz, dass aufgrund der haushaltspolitischen Zwänge die Spiele freigegeben werden, ohne sie bis zur Perfektion fertiggestellt zu sein.
Auf zumindest eine kurzfristige Auswirkung auf die Eidos Titel darf man also hoffen: Qualitätssteigerung, die definitiv eine der Stärken von Square Enix ist. In den letzten Jahren nahmen Eidos Entwicklungen an Qualität ab - das Geschäftsjahr neigte sich dem Ende und Spiele wurden unperfekt veröffentlicht, damit die Bilanz stimmt. Mit Square Enix im Rücken sollte hier mehr Handlungsraum bestehen. Dass Square Enix sich nicht scheut, Spiele ins nächste Geschäftsjahr zu verschieben, zeigte man zuletzt
mit Dragon Quest IX. Der potentielle Blockbuster sollte ursprünglich im letzten Geschäftsjahr erscheinen, die Zahlen waren fest kalkuliert, Aktiekurse sanken sofort, dennoch wurde das Spiel auf Juli verschoben, da noch zuviele Fehler bestanden. Hier kann Eidos von Square Enix lernen!
"Wenn man die Möglichkeiten und Marken für Merchandise hat, gibt es keinen Grund, daraus keinen Profit zu schlagen" - Yoichi Wada
Mit dem Spielemarken eng verbunden ist eine weitere Sache, die eigentlich auf der Hand liegt, von Eidos aber weniger intensiv ausgenutzt wurde. Square Enix hingegen ist im Vergleich dazu als Meister des Faches zu bezeichnen. Die Rede ist von Merchandise! Jeder kennt die lebensgroße Lara-Figur, aber das war es dann auch schon bald. Square Enix hingegen macht aus allem Geld, was auch nur einigermaßen sinnvoll ist. Die These sei aufgestellt, dass Japaner für Merchandise "anfälliger" sind, dennoch weitet Square Enix sein Merchandise-Netzwerk inzwischen weltweit aus, Online-Shops etablieren sich und offenbar lohnt es sich auch. Im Interview mit
GameIndustry.biz gab Yoichi Wada dann auch zu, Eidos auf diesem Gebiet weiter vorantreiben zu wollen.
Neben all den genannten Marken übernimmt Square Enix auch Entwicklerstudios überall in der Welt, darunter IO Interactive, Eidos-Montreal und Crystal Dynamics US. Sicherlich werden die früher oder später mit dem ein oder anderen Auftrag gefüttert. Das Square Enix diese Absicht hat, lässt sich auch an dem neu gegründeten Entwicklungsstudio in Los Angeles erkennen - dafür sind übrigens immer noch
Jobs ausgeschrieben. Westliche Spiele lässt man eben auch besser von westlichen Menschen entwickeln.
Doch auf kürzere Dauer gesehen werden wohl zuerst die Operationszentralen in Europa und den USA für Square Enix interessant sein. Das westliche Know-How was dort liegt, ist nicht zu verachten und kurzfristig wohl das wertvollste, was es von Eidos zu holen gibt. Square Enix kann Unmengen an Mitteln für Vertrieb, Marketing und Verkauf sparen, wenn man die bestehenden Strukturen von Eidos nutzt. Das wird ganz besonders in Europa wertvoll sein, denn hier lässt Square Enix seine Spiele immer noch über Dritte vertreiben, sei es Ubisoft oder Koch Media. Es wird abzuwarten sein, ob die Beziehungen zu Ubisoft und Koch Media nun immer noch in diesem Umfang aufrecht erhalten bleiben. Zumindest bei der Koch Media Führungsetage laufen dazu bereits Verhandlungen, bisher ohne Ergebnis. Square Enix will eine eigene weltweite Struktur aufbauen. Die Übernahme von Eidos war ein großer Schritt dorthin. Übrigens hat Eidos schon einmal Square Enix Spiele in Europa vertrieben: die PC Versionen von Final Fantasy VII und VIII.
"Was die Zukunft angeht, da beurteilen wir Partnerschaften auf Basis der Qualität des Projektes, und nicht mehr so sehr nach dem Genre." - John Yamamoto im November 2008
Andersherum werden einige Eidos-Titel von der Vertriebserfahrung von Square Enix in Japan profitieren. Square Enix prüft zur Zeit, welche Titel dies sein könnten. Hat man die letzten Publisheraktivitäten von Square Enix verfolgt, könnte man zu der Auffassung gelangen, dass Square Enix dabei nicht außergewöhnlich große Vorsicht walten lässt. Denn zuletzt ging man durchaus unübliche Wege, beispielsweise mit dem Vertrieb von
James Bond 007: Quantum of Solace von Activision Blizzard in Japan.
Darüberhinaus bleiben Technologien, beispielsweise entwickelte Software und nicht zuletzt Grafik-Engines. Diese werden sich Eidos und Square Enix selbstverständlich teilen. Auch dabei wird kräftig gespart: durch wenige Erweiterungen und Veränderungen könnte die hochkarätige Crystal Tools Engine von Square Enix für passende Eidos-Marken nutzbar gemacht werden. Dank
Final Fantasy XIII wurde Crystal Tools bereits mühevoll an PlayStation 3 und Xbox 360 angepasst, auf diesen Konsolen erscheinen inzwischen fast alle Eidos Titel. Im Gegenzug könnte Square Enix von der neuen Grafik-Engine profitieren, die extra für
Tomb Raider: Underworld und
Deux Ex 3 erschaffen wurde. Auch die
Glacier-Engine steht zur Verfügung, welche die Grafik in Hitman und Kane & Lynch zeichnete. Des Weiteren wurde die
Morpheme Engine von NaturalMotion lizensiert, die allerdings noch für keinen Titel verwendet wurde.
Auch auf dem Handy-Markt möchte man sich austauschen. Erst vor etwa einem Jahr kaufte Eidos
Morpheme Wireless Ltd. (hat nichts mit der Grafik-Engine zu tun) inklusive aller Technologien auf, eine kleine 8-Mann-Firma die sich auf Handy- und Casualgames konzentriert und auf diesem Gebiet jede Menge Erfahrung hat. Auch der Aufkauf von
Bluefish Media liegt etwa ein Jahr zurück. Diese kleine Firma ist auf den Onlinevertrieb von Spielen spezialisiert und betreibt ein urheberrechtlich geschütztes elektronisches Distributionssystem. Das auch Square Enix mit dieser Vertriebsform rechnet, ist spätestens seit den zuletzt vielen veröffentlichten Spielen über Xbox Live, WiiWare und PSN sowie der
Steam-Version von
The Last Remnant deutlich geworden.
Eidos hat ein also ausgezeichnetes Preis-Leistungs-Verhältnis für Square Enix. Nur zum Vergleich: die Entwicklung von Final Fantasy X, an dem etwa 100 Menschen arbeiteten, verschlang etwa 27 Millionen Euro. Für Final Fantasy XIII liegen keine Zahlen vor, doch dürften die Entwicklungskosten des PlayStation 3 Titels sogar noch höher ausfallen. Nicht zuletzt wegen der neuen Grafikengine, auch wenn diese für mehrere Spiele verwendet werden kann. Das Geld mag solide angelegt sein, schließlich sind Final Fantasy XIII gute Verkaufszahlen weltweit garantiert. Aber zukunftsträchtiger sind sicherlich die 90 Millionen Euro für Eidos, wofür Square Enix vergleichsweise mehr bekommt.

Um zum weniger ernst gemeinten Abschluss nochmal ein wenig kurios zu werden: wann können wir also in Zeiten, in denen Sonic und Mario um die Wette rennen (Mario & Sonic at the Olympic Games) erstmals Lara Croft in Final Fantasy begrüßen? Klingt wirklich realitätsfern, aber schauen wir den Tatsachen doch mal ins Auge. Square Enix steht auf solche Auftritte. Wer konnte sich denn vor Kingdom Hearts Squall und Goofy zusammen vorstellen? In Ehrgeiz kämpften schon früher Fighter aus Arcade-Games gegen Cloud, Tifa und Co. Balthier hatte einen Überraschungsauftritt im Remake von Final Fantasy Tactics: The War of the Lions. In Dragon Quest & Final Fantasy in Itadaki Street Portable spielten König Trode und Zidane Tribal um die Wette. Itadaki Street DS vereinte gar die hübsche Jessica aus Dragon Quest VIII und Donkey Kong. Und erst vor wenigen Monaten traten Helden und Antagonisten aus zwölf Final Fantasy Titeln in Dissidia: Final Fantasy gegeneinander an. In die Fortsetzung von Dissidia gehört fast unweigerlich ein Cameo von Lara Croft. Wir werden sehen, was die Zukunft bringt ;-)